Indien: Behinderte Frauen werden einfach weg gesperrt

Entmündigt, geschlagen, sexuell missbraucht – Katastrophale Zustände in Heimen

Frauen mit möglichen, oder tatsächlichen psychosozialen Behinderungen, schlafen auf dem Boden einer Frauenabteilung des „Thane Mental Hospital.“ Dies ist eine Einrichtung mit 1857 Betten in einem Vorort von Mumbai.

„Wir bekamen nicht einmal Handtücher. Wir mussten uns die Zähne mit Zahnpasta und Fingern putzen. Aufgrund der engen Schlafgelegenheiten haben viele Frauen Läuse. Alle zwei Tage bekamen wir frische Kleidung, und während sie gewaschen wurde, blieben wir nackt.“ Dies ist die Beschreibung einer 40-Jährigen, die mit Schizophrenie in einer staatlichen Behinderteneinrichtung eingesperrt war. Ihre Schilderung ist nur Teil eines Berichts der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW).

24 Einrichtungen für behinderte Frauen hat HRW für einen Bericht untersucht. Das Personal ist schlecht geschult, es ist unhygienisch und überbelegt.
„Am schlimmsten aber ist, dass die Frauen keinerlei Mitbestimmungsrechte haben“, sagt Studienleiterin Kriti Sharma. „Pillen werden in Bananen versteckt oder ihnen mit Gewalt in den Hals gesteckt. Aufgrund der engen Schlafgelegenheiten haben viele Frauen Läuse. Ich habe gesehen, wie Frauen tretend und schlagend zur Elektroschocktherapie gezerrt wurden. Immer wieder kommt es vor, dass Familien die Frauen einfach in Heimen abladen. Sie kommen aus anderen Regionen und hinterlassen eine falsche Adresse und Telefonnummer. In den Einrichtungen würden die Frauen mit psychosozialen oder intellektuellen Behinderungen dann oft als „Verrückte“ beschimpft, geschlagen oder sexuell misshandelt. In jeder Einrichtung kamen Frauen auf mich zugerannt und schrien: ,Hol mich hier raus “ , sagt Studienleiterin Kriti Sharma.

Abgeschiedenes Zimmer sind im Haus, für „geistig zurückgebliebene“ Frauen, eine staatliche Institution für Menschen mit geistiger Behinderung in Bangalore. Die Heime seien reine Wegsperranstalten, kritisieren Menschenrechtler.

Auch eine 46 Jahre alte Hausfrau aus Mumbai war ihren Angaben zufolge einen Monat in einem privaten Heim. „Als ich im Hospital aufwachte, sah ich nur Stacheldraht vor dem Fenster, alles war verschlossen“, sagt sie in einem Telefonat. Von den Medikamenten, die sie unter Zwang einnahm, sei sie „wie labbriges Gemüse“ geworden. „Meine Hand begann zu Zittern, ich bekam Kopfschmerzen und stotterte auch. Immerzu schlief ich. Wie ein Zombie.
Ihre Mutter suchte ohne Unterlass nach ihr, doch habe ihr Ehemann ständig neue Ausflüchte gefunden, um sie weiter im Heim zu verstecken.Ich selbst konnte nicht raus, niemand hörte mir zu, sie stießen mich einfach zurück in mein Zimmer.“ Schließlich habe ihr Ehemann dem Drängen der Mutter nachgegeben.

Dabei gibt es nicht für alle behinderten Menschen in Indien öffentliche Einrichtungen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation kommen bei 1,25 Milliarden Inder, nur drei Psychiater auf eine Million Menschen, und ein Psychologe auf zwei Millionen Menschen. 28.000 Betten stehen in Anstalten und psychiatrischen Abteilungen zur Verfügung. „Wir erkennen an, dass mentale Gesundheit ein vernachlässigtes Gebiet ist, von dem sogar die Gesundheitsexperten wenig wissen“, räumt sogar das indische Gesundheitsministerium ein. Doch würden die Programme immer weiter aufgestockt.

Hol mich hier raus!“ flehen viele Bewohner/innen der psychiatrischen Krankenhäuser.
„In Indien leben mehr als 90 Prozent der Behinderten weiter in ihrer Familie, während es in westlichen Ländern viel weniger sind. Aber wenn die Familie arm ist, hat sie oft kaum Geld für Pflege und Nahrung übrig“ Viele Behinderte würden dann ausgesetzt. Allein in der Hauptstadt Neu Delhi sterben jeden Winter 8000 Obdachlose. Ich schätze, dass die Hälfte davon Behinderte sind, sagt der Psychologieprofessor Sanjeev Jain, der am Nationalen Institut für Mentalgesundheit und Neurowissenschaften in Bangalore lehrt.

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Beitragsbild: Shantha Rau Barriga, Human Rights Watch

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